LeseHerbst 2025

Wie Blinde lesen – fühlbare Buchstaben

ein Bericht mit Fotos von Esther Ringler, Praktikantin in unserer Abteilung Politische Jugendbildung

22. Oktober 2025 – Ich stehe in der Bücherhalle Mümmelmannsberg, etwas außer Atem, weil ich von der Bücherhalle Billstedt hergeeilt bin. Beim umfangreichen Veranstaltungsprogramm des LeseHerbstes war ich etwas durcheinandergekommen und zunächst in die falsche Bücherhalle gelaufen. Doch jetzt bin ich richtig.

Die freundlichen Bibliothekarinnen lassen mich aus der klammen Herbstluft in die wohlig warme Bücherhalle. Gerade wird noch für die Veranstaltung „Wie lesen blinde Menschen“ aufgebaut. Auf die kleinen Besucher:innen und ihre Eltern warten ein Glücksrad, Gummibärchen und ein sehr, sehr großes Buch. Ich bin gespannt. Es verspricht ein lehrreicher Nachmittag zu werden. 
Dieses Jahr führt die Bücherhalle Mümmelmannsberg zusammen mit dem Billenetz von Arbeit und Leben Hamburg nicht nur Aktionen zum LeseHerbst durch, sondern feiert zugleich 50-jähriges Bestehen, heute mit einem Bilderbuchkino.

Nach und nach trudeln Kinder und Erwachsene ein. Neugierig streichen die Kinder durch die mit Büchern gefüllten Regalreihen und sorgen für einen hohen Geräuschpegel, der schlagartig abnimmt, als das „Bilderbuchkino“ beginnt. In einem abgedunkelten Raum sitzen die Kinder gemütlich auf Kissen und Bänken, wie in einem kleinen Kino-Saal. An die Wand werden die Bilder aus dem Buch “Theo Tonnentier und die beste Geburtstagstorte der Welt” (Autorin Betina Gotzen-Beek) geworfen. Parallel dazu läuft die Geschichte als Hörspiel. Ein einprägendes Erlebnis.

Kinder kommen in Berührung mit Brailleschrift

Parallel zum Kino-Vergnügen wird zwischen den Bücheregalen der Infostand der Norddeutschen Hörbücherei aufgebaut.

“Was ist das?”, fragt ein Junge schüchtern und zeigt auf ein sehr, sehr dickes Buch. Auch für mich ist das ein Buch, das ich so noch nie in den Händen gehalten habe, und zwar nicht nur wegen seiner Größe. Es handelt sich um eine Ausgabe der „Buddenbrooks“ mit Prägedruck in Brailleschrift. Diese von dem Franzosen Louis Braille 1825 entwickelte Schrift, macht es möglich, anhand von Punkten Buchstaben zu fühlen (s. Abbildung oben).

Auf die Frage von Kathrin (Mitarbeiterin der Hörbücherei), ob so ein Buch etwas Neues für ihn sei, antwortet der Junge, dass sie Blindenschrift schon mal in der Schule hatten. Doch sein Interesse an dem Buch erlischt deutlich, als er entdeckt, dass es am Glücksrad Gummibärchen zu gewinnen gibt.
Schon bald tummeln sich weitere Kinder um den Infotisch. Sie lassen sich mit einer Brailleschrift-Schablone ihren Namen in Punktschrift schreiben und versuchen, das Alphabet zu fühlen.
Stolz liest ein etwa sechsjähriges Mädchen die Fragen am Glücksrad vor. “Ich kann schon lesen”, sagt sie. “Kannst du dir vorstellen, wie Menschen lesen, die blind sind?”, fragt Katrin von der Hörbücherei. Das Mädchen scheint ratlos. Ich muss schmunzeln, als ihr Vater ihr die Augen zu hält und sie anleitet, die Braille-Buchstaben zu fühlen.

Für die meisten Kinder hier ist das Lesen mit den Fingern eine völlig neue Erfahrung, schwer vorstellbar, dass man Geschichten ertasten kann.

Ein besonderer Moment ist es, als André Rabe, der zweite Vorsitzende des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg, aus einem Braille-Buch vorliest. Man kann förmlich sehen, wie es in den Köpfen der Kinder arbeitet, als er aus dem für sie leer aussehenden, mit Prägung bedrucktem Buch Geschichten vorliest. Auch ich muss zugeben, dass ich ihn gespannt beobachte und den Geschichten lausche.

 

Hörbücher als Chance für später Erblindete

In einem ruhigen Moment unterhalte ich mich mit Katrin und André. Für viele blinde Menschen ist das Lesen mit Brailleschrift Alltag, wie für André. Von Geburt an erblindet, lernte er es in der Schule. Doch längst nicht jede:r, der oder die das Augenlicht im Laufe ihres Lebens verliert, kann Brailleschrift lernen. Hier kann die Norddeutsche Hörbücherei, die heute in der Bücherhalle zu Gast ist, mit ihrem Angebot unterstützen.

Sie bietet blinden, seh- und lesebehinderten Menschen kostenlos Hörbücher an: auf CD, als Download oder Stream, alles barrierefrei. Besonders ältere Menschen, die später im Leben erblinden, nutzen das Angebot, erzählt mir Katrin: „Viele finden uns gar nicht so leicht. Deshalb sind wir bei Veranstaltungen wie dieser dabei. Hier erreichen wir oft Angehörige, die uns weiterempfehlen.“

Rund um den Infotisch der Hörbücherei gibt es einen regen Austausch mit kleinen und großen Besucher:innen an diesem LeseHerbst-Tag. Zwischen den Gesprächen und Fragen werden Flyer verteilt. Eine Besucherin nimmt diese für ihre zunehmend schlechter sehende Nachbarin mit, an Großeltern wird gedacht, auch ich stecke die Info-Flyer für die Bekannte einer Freundin ein.

Am Ende dieses Nachmittags haben mit Sicherheit viele etwas Neues gelernt – über das Lesen, das Hören und das Fühlen von Sprache.
Dieser Nachmittag bleibt mir besonders in Erinnerung: wegen der Kinder, die so offen eine neue Art zu lesen wahrgenommen haben, den Menschen, die sich engagieren, Teilhabe für alle in unserer Gesellschaft zu ermöglichen und weil ich selbst mal wieder lernen durfte, das Lesen mehr ist als nur Buchstaben auf einer Seite.

Weitere Informationen

Der Leseherbst 2025 geht weiter bis zum 23. Dezember, mit Veranstaltungen in Billstedt, Horn und Mümmelmannsberg. Hier sind weitere Infos und das Programm >>>

Norddeutsche Hörbücherei e. V.,
Bücherei für blinde, seh- und lesebehinderte Menschen: Link zur Website >>>

Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg e V.,
Link zur Website >>>